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Original: "A Guide
for the Perplexed", E.F. Schumacher, Jonathan Cape Ltd.,
London, 1977
Auszüge aus der deutschen Übersetzung mit dem Titel: "Rat für die
Ratlosen", E.F. Schumacher, Ex Libris, Zürich, 1981
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zu E.F. Schumacher Society
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Rückkehr zum menschlichen Mass
Die Philosophen als Kartographen
Teil I
Bei einem Besuch Leningrads vor einigen Jahren (August 1968) versuchte
ich, mich auf dem Stadtplan zurechtzufinden, es gelang mir nicht. Zwar
hatte ich einige grosse Kirchen gesehen, doch keine Spur von ihnen auf dem
Stadtplan. Schliesslich kam mir ein Dolmetscher zu Hilfe und sagte:
"Wir verzeichnen auf unseren Plänen keine Kirchen." Ich
widersprach ihm und wies auf eine, die deutlich gekennzeichnet war.
"Das ist ein Museum", sagte er, "keine <richtige
Kirche>. Nur <richtige Kirchen> zeigen wir nicht."
Da ging mir auf, dass ich hier nicht zum erstenmal eine Karte in Händen
hielt, die vieles von dem, was ich unmittelbar vor mir sehen konnte, nicht
zeigte. Meine ganze Schul- und Universitätszeit hindurch hatte man mir
Karten vom Leben und vom Wissen gegeben, auf denen nicht die kleinste Spur
von den Dingen zu sehen war, die mir am meisten bedeuteten und mir von
grösster Wichtigkeit für mein weiteres Leben zu sein schienen. Ich
erinnere mich, dass ich jahrelang völlig ratlos war, und kein Dolmetscher
kam mir zu Hilfe. Diese Ratlosigkeit dauerte an, bis ich nicht mehr an
der Vernunft meiner Wahrnehmungen zweifelte, sondern die Richtigkeit der
Karten in Frage stellte.
Aus den Karten, die man mir gegeben hatte, erfuhr ich, dass praktisch alle
meine Vorfahren ziemlich rührende Schwärmer und Träumer gewesen seien,
die ihr Leben auf der Grundlage irrationaler Glaubensvorstellungen und
absurden Aberglaubens geführt hätten. Selbst berühmte
Naturwissenschaftler wie Johannes Kepler oder Isaac Newton hatten offenbar
den grössten Teil ihrer Zeit und Energie mit unsinnigen Untersuchungen
nichtexistierender Gegenstände zugebracht. Die ganze Geschichte hindurch
hatte man ungeheure Mengen schwerverdienten Reichtums zur Ehre und zum
Ruhm imaginärer Gottheiten verschwendet - und zwar nicht nur meine
europäischen Vorfahren, sondern alle Völker in allen Erdteilen und zu
allen Zeiten. Ueberall unterwarfen sich Tausende scheinbar gesunder
Männer und Frauen äusserst sinnlosen Einschränkungen, wie
beispielsweise freiwilligem Fasten; sie peinigten sich durch Ehelosigkeit,
vergeudeten ihre Zeit mit Pilgerfahrten, geradezu unglaublichen Ritualen,
ständig wiederholtem Gebet und so weiter. Sie kehrten der Wirklichkeit
den Rücken - einige tun das noch heute, in unserem aufgeklärten
Zeitalter! - und das für nichts und wieder nichts, aus blosser
Unwissenheit und Dummheit. Nichts davon wird heute ernstgenommen, es sei
denn in Form von Museumsstücken. Aus was für einer Geschichte des
Irrtums sind wir hervorgegangen! Was für eine Geschichte war das, in der
man Dinge als wirklich ansah, von denen jedes Kind der Moderne wusste,
dass es sie ausschliesslich in der Einbildung und Vorstellungskraft gab!
Unsere gesamte Vergangenheit, ausser der ganz unmittelbaren, taugte nur
noch fürs Museum, in dem die Menschen ihre auf die Wunderlichkeit und
Unfähigkeit früherer Generationen bezogene Neugier befriedigen konnten.
Auch die Schriften unserer Vorfahren hatten kaum einen anderen Nutzen, als
sie in Bibliotheken aufzubewahren, wo Historiker und andere Spezialisten
diese Hinterlassenschaft studieren und Bücher darüber schreiben konnten.
Die Vergangenheit zu kennen wurde als interessant und gelegentlich
aufregend angesehen. Man mass ihr aber nicht so viel Wert bei, dass man
glaubte, mit ihrer Hilfe die Aufgaben der Gegenwart meistern zu können.
All das und vielerlei anderes, Ähnliches, brachte man mir in Schule und
Universität bei, wenn auch nicht offen und klar ausgesprochen. Man konnte
die Dinge nicht beim Namen nennen - Vorfahren waren mit Ehrerbietung zu
behandeln, denn sie konnten nichts für ihre Rückständigkeit. Sie gaben
sich grosse Mühe und kamen der Wahrheit bisweilen durch Zufall auch recht
nahe. Ihr Vertieftsein in die Religion war eines von vielen Zeichen
dafür, wie unterentwickelt sie waren, was bei unmündigen Menschen ja
auch nicht überraschen konnte. Selbstverständlich gab es auch in der
Gegenwart ein gewisses Interesse an der Religion, das das früherer Zeiten
legitimierte. Noch immer durfte bei passenden Gelegenheiten von Gott dem
Schöpfer gesprochen werden, auch wenn jeder Gebildete wusste, dass es
keinen wirklichen Gott gab, ganz gewiss keinen, der irgend etwas zu
erschaffen vermochte, und dass die Dinge um uns herum durch einen
bewusstlosen Entwicklungsprozess, das heisst durch Zufall und natürliche
Selektion, entstanden waren. Unglücklicherweise wussten unsere Vorfahren
noch nichts von Evolution, so dass sie sich all diese phantasievollen
Mythen erdachten.
Auf den Karten des wirklichen Wissens, die für das wirkliche Leben
vorgesehen waren, fand sich nichts ausser Dingen, deren Vorhandensein
angeblich beweisbar war. Der erste Grundsatz der kartographierenden
Philosophen schien zu sein: "Im Zweifelsfall weglassen" oder ins
Museum schicken. Mir fiel jedoch auf, dass die Frage, was einen Beweis
ausmacht, sehr vielschichtig und schwierig war. Wäre es nicht klüger,
das Prinzip umzukehren und zu sagen: "Im Zweifelsfall deutlich
herausstellen"? Schliesslich ist etwas, das über jeden Zweifel
erhaben ist, in gewisser Hinsicht tot. Es stellt keine Herausforderung
mehr für die Lebenden dar.
Etwas als <wahr> anzunehmen birgt immer die Gefahr des Irrtums. Wenn
ich mich auf ein Wissen beschränke, das ich als zweifelsfrei wahr ansehe,
vermindere ich zwar die Gefahr des Irrtums, vergrössere aber zugleich die
Gefahr, etwas zu versäumen, was möglicherweise zu den verzweigtesten,
wichtigsten und lohnendsten Dingen des Lebens gehört. Thomas von Aquin
lehrte - Aristoteles folgend -: "Und dennoch ist das Geringste, was
man an Erkenntnis der höheren Dinge haben kann, erstrebenswerter als die
gewisseste Erkenntnis, die man von den geringsten Dingen hat."
<Geringe> Erkenntnis wird hier <gewisser> Erkenntnis
gegenübergestellt und lässt an Ungewissheit denken. Vielleicht muss es
so sein, dass man die höheren Dinge nicht mit derselben Gewissheit wie
die geringeren Dinge wissen kann. In diesem Fall wäre es tatsächlich ein
grosser Verlust, wenn Erkenntnis auf zweifelsfrei beweisbare Dinge
beschränkt bliebe.
Die philosophischen Karten, die man mir in der Schule und der Universität
aushändigte, zeigten nicht nur keine <richtigen Kirchen> wie die
Karte von Leningrad, von der ich gesprochen habe, sie liessen auch grosse
<unorthodoxe> Bereiche der Theorie und Praxis in der Medizin, der
Landwirtschaft, der Psychologie und den Gesellschafts- und
Politikwissenschaften aus, ganz zu schweigen von der Kunst und sogenannten
okkulten und paranormalen Erscheinungen, deren blosse Erwähnung als
Zeichen geistiger Unzulänglichkeit angesehen wurde. Insbesondere die
prominentesten der offiziellen Lehrmeinungen betrachteten die Kunst
lediglich als Möglichkeit der Selbstdarstellung oder der
Wirklichkeitsflucht. Auch in der Natur gebe es höchstens zufällig etwas
Künstlerisches, das heisst, selbst die schönsten Erscheinungen liessen
sich - so sagte man uns - auf eine nützliche Funktion zurückführen,
nämlich die, die Reproduktion des Lebens und natürliche Selektion zu
sichern. Insgesamt war, von <musealen> Bereichen abgesehen, der
ganze Lebensplan von oben bis unten und von links nach rechts in
utilitaristischen Farben gezeichnet: Es gab darin fast nichts, was nicht
als der Bequemlichkeit des Menschen dienlich oder dem allgemeinen
Überlebenskampf nützlich galt.
Je gründlicher wir uns mit den Einzelheiten des Planes vertraut machten,
das heisst, je mehr wir von dem in uns aufnahmen, was er zeigte, und uns
daran gewöhnten, dass die Dinge fehlten, die er nicht zeigte, desto
ratloser, unglücklicher und zynischer wurden wir natürlich. Einige von
uns jedoch machten ähnliche Erfahrungen, wie Maurice Nicoll sie
beschrieben hat:
"Einmal wagte ich, in einer der am Sonntag stattfindenden
Unterrichtsstunden, in denen wir uns unter der Anleitung des Schulleiters
mit dem griechischen Neuen Testament beschäftigten, trotz meines
Stotterns nach der Bedeutung eines bestimmten Gleichnisses zu fragen. Die
Antwort war so verworren, dass ich den ersten Augenblick von Bewusstheit
erlebte - das heisst, mir wurde plötzlich klar, dass niemand etwas wusste
. . . und von dem Augenblick an begann ich, für mich selbst zu denken,
oder vielmehr, ich begriff, dass ich es konnte . . . Ich sehe dieses
Klassenzimmer noch deutlich vor mir, die hohen Fenster, die so angelegt
waren, dass wir nicht hinaussehen konnten, die Schulbänke, das Podest,
auf dem der Schulleiter sass, sein schmales Gelehrtengesicht, seine
Angewohnheit, zu gestikulieren und nervös mit den Mundwinkeln zu zucken -
und plötzlich diese Enthüllung in meinem Inneren, ich wusste, dass er
nichts wusste - das heisst, nichts von den Dingen, auf die es wirklich
ankam. Das war meine erste innere Befreiung von der Macht des äusseren
Lebens. Von da an wusste ich bestimmt - und das bedeutete stets durch
wahrhaft eigene innere Wahrnehmung, die die einzige Quelle wirklichen
Wissens darstellt -, dass all mein Abscheu gegen die Religion, so wie man
sie mich gelehrt hatte, berechtigt war."
Die von der modernen materialistischen Wissenschaftsgläubigkeit
hervorgebrachten Karten beantworten keine der Fragen, auf die es wirklich
ankommt. Mehr noch, sie zeigen nicht einmal den Weg zu einer möglichen
Antwort: sie leugnen schon die Berechtigung der Fragen. In meiner Jugend,
vor einem halben Jahrhundert, war die Lage verzweifelt genug, jetzt aber
hat sie sich noch durch die immer striktere Anwendung der
naturwissenschaftlichen Methode auf alle Gegenstände und Fachgebiete
verschlimmert, denn dadurch wurden auch die letzten Reste überlieferter
Weisheit - zumindest in der westlichen Welt - zerstört. Im Namen
wissenschaftlicher Objektivität wird lauthals behauptet, Sinn und Werte
seien "nichts als Abwehrmechanismen und Reaktionsbildungen"; der
Mensch sei "nichts als ein komplizierter biochemischer Mechanismus,
dessen Energie von einem Verbrennungssystem geliefert wird, das Computer
mit Energie versorgt, die unerhört reich an Speichern für die
Aufbewahrung von verschlüsselten Informationen sind"; und Freud
versicherte uns gar: ". . . mit Sicherheit (weiss) ich nur das eine,
dass die Werturteile der Menschen unbedingt von ihren Glückswünschen
geleitet werden, also ein Versuch sind, ihre Illusionen mit Argumenten zu
stützen."
Wie soll jemand dem Druck solcher Aussagen widerstehen, die im Namen
objektiver Wissenschaft gemacht werden, wenn er nicht, wie Maurice Nicoll,
plötzlich die Erfahrung einer <Enthüllung> macht, die ihn wissen
lässt, dass die Menschen, die derlei sagen, trotz aller möglichen
Gelehrsamkeit nichts von den Dingen wissen, auf die es wirklich ankommt?
Die Menschen bitten um Brot, und man gibt ihnen Steine. Sie wollen einen
Rat haben für das, was sie tun sollen, "um gerettet zu werden",
und man sagt ihnen, die Vorstellung von Rettung oder Heil enthalte keinen
rationalen Kern und sei nichts als eine kindliche Neurose. Sie wollen
wissen, wie sie als verantwortungsbewusste Menschen leben sollen, und man
sagt ihnen, sie seien Maschinen, wie Computer, ohne freien Willen und
daher ohne Verantwortlichkeit.
"Die Gefahr . . .", sagt der Psychiater Viktor E. Frankl,
". . . liegt weniger im Mangel an Universalität als vielmehr im
Anschein einer Totalität des Wissens, den sich der Wissenschaftler . . .
gibt . . . Die Gefahr liegt also gar nicht darin, dass sich die Forscher
spezialisieren, sondern darin, dass die Spezialisten generalisieren."
Nach vielen Jahrhunderten teleologischer Weltherrschaft haben wir jetzt
drei Jahrhunderte einer zunehmend aggressiver werdenden
<naturwissenschaftlichen Weltherrschaft> erlebt. Ihr Ergebnis ist
ein Ausmass an Verwirrung und Richtungslosigkeit, insbesondere unter der
Jugend, das jederzeit zum Zusammenbruch unserer Zivilisation führen kann.
Der wahre Nihilismus unserer Tage sei der Reduktionismus, sagt Frankl:
"Hinter den Worten <nichts als> verbirgt sich, was die
amerikanische Selbstkritik als <reductionism> bezeichnet, und diesen
Reduktionismus halte ich wieder für . . . die Maske, hinter der sich
heute der Nihilismus verbirgt. Er verrät sich weniger durch das Gerede
vom Nichts als vielmehr durch die Redewendung <nichts als>."
Menschliche Phänomene werden so zu blossen Epiphänomenen gemacht -
soweit Viktor E. Frankl.
Doch bleiben sie unsere Wirklichkeit, alles, was wir sind und was wir
werden. In diesem Leben fühlen wir uns wie in einem fremden Land. Ortega
y Gasset merkte einmal an, dass "das Leben wie ein Blattschuss auf
uns abgefeuert wird". Wir können nicht sagen: "Einen
Augenblick! Ich bin noch nicht ganz fertig. Warte, bis ich alles geklärt
habe. "Wir müssen Entscheidungen treffen, auf die wir nicht
vorbereitet sind, Ziele wählen, die wir nicht klar zu sehen vermögen.
Das ist sehr befremdend und allem Anschein nach vernunftwidrig. Es sieht
so aus, als seien die Menschen ungenügend <programmiert>. Nicht
nur, dass sie bei der Geburt gänzlich hilflos sind und es lange bleiben:
selbst als ganz und gar Erwachsene bewegen und verhalten sie sich nicht
mit der Sicherheit von Tieren. Sie zögern, zweifeln, ändern ihre
Ansicht, laufen hierhin und dorthin, nicht nur im Ungewissen darüber, wie
sie an das gelangen, was sie haben wollen, sondern vor allem darüber, was
sie wirklich wollen.
Fragen wie <was müsste ich tun?> oder <was muss ich tun, um
gerettet zu werden?> sind seltsame Fragen, denn sie beziehen sich auf
Ziele und nicht einfach auf Mittel. Auf Verfahrensweisen bezogene
Antworten genügen nicht, wie zum Beispiel <sag mir genau, was du
möchtest, und ich werde dir sagen, wie du es bekommen kannst>. Die
ganze Schwierigkeit liegt eben darin, dass ich nicht weiss, was ich
möchte. Vielleicht will ich nur glücklich sein und sonst nichts. Die
Antwort aber <sag mir, was du zum Glück brauchst, und ich kann dir
dann raten, was du tun sollst> - auch diese Antwort genügt nicht, weil
ich nicht weiss, was ich zum Glück brauche. Vielleicht sagt jemand:
"Zum Glück braucht man Weisheit" - was aber ist Weisheit?
"Zum Glück brauchst du die Wahrheit, die dich frei macht" -
welche Wahrheit aber macht mich frei? Wer sagt mir, wo ich sie finden
kann? Wer vermag mich zu ihr zu führen oder mir zumindest die Richtung zu
weisen, in die ich gehen muss?
In diesem Buch werden wir versuchen, die Welt als Ganzes zu sehen. Das
wird bisweilen Philosophieren genannt, und die Philosophie wurde als die
Liebe zur Weisheit und als Streben nach Weisheit definiert. Sokrates hat
gesagt: "Das Staunen ist das, was ein Philosoph empfindet, und
Philosophie beginnt mit dem Staunen. " Er hat auch gesagt:
"Keiner der Götter philosophiert oder begehrt weise zu werden, denn
sie sind es bereits; auch wenn sonst jemand weise ist, philosophiert er
nicht. Ebensowenig philosophieren wiederum die Unverständigen, noch
begehren sie weise zu werden. Denn das eben ist das Verderbliche am
Unverstand, dass man, ohne schön, gut und verständig zu sein, dennoch
sich selber genug dünkt." [Platon]
Eine Möglichkeit, die Welt als Ganzes zu betrachten, besteht darin, dass
man sich eines Planes oder einer Art Landkarte bedient, die zeigt, wo die
verschiedenen Dinge zu finden sind - selbstverständlich nicht alle, denn
dann müsste eine solche Karte so gross wie die Welt sein, aber die Dinge,
die für die Orientierung am wichtigsten und vordringlichsten sind:
sozusagen auffallende Markierungspunkte, die man nicht übersehen kann,
oder die, wenn man sie übersieht, den Menschen in völlige Ratlosigkeit
stürzen. Der wichtigste Teil jeder Untersuchung oder Erforschung ist der
Anfang. Man kann in späteren Stadien der Untersuchung die strengsten
Verfahren anwenden - wenn man falsch oder oberflächlich begonnen hat,
wird man diesen Fehler nicht mehr korrigieren können.
Die Kartographie ist eine empirische Kunst, die einen hohen
Abstraktionsgrad verlangt, sich aber dennoch mit einer Art
Selbstverleugnung an die Realität hält. Ihr Motto ist gewissermassen
<alles aufnehmen, nichts auslassen>. Wenn es etwas gibt, wenn etwas
eine Art von Existenz hat, wenn Menschen es bemerken und daran
interessiert sind, muss es auf der Karte auch erscheinen, und zwar an
seinem richtigen Platz. Philosophie ist nicht nur Kartographie,
ebensowenig wie sich die gesamte Geographie im Anfertigen von Karten oder
Orientierungsplänen erschöpft. Es ist lediglich ein Anfang - eben der
Anfang, der gegenwärtig fehlt, wenn Menschen fragen: "Was bedeutet
all das?" oder "Was soll ich mit meinem Leben tun?"
Meine Karte oder mein Orientierungsplan gründet sich auf die Anerkennung
der vier Grossen Wahrheiten - gleichsam Wegzeichen - die so herausragend
und allesdurchdringend sind, dass man sie überall sehen kann, ganz
gleich, wo man sich befindet. Wer sie erkennt, kann mit ihrer Hilfe stets
seinen Standort bestimmen; wer sie nicht zu erkennen vermag, hat sich
verirrt.
Man könnte sagen, dass es in dem Orientierungsplan um <das Leben des
Menschen in der Welt> geht. Aus dieser einfachen Aussage ergibt sich,
dass wir näher ins Auge fassen müssen:
1. <Die Welt>,
2. <Den Menschen> - und das, womit er ausgestattet ist, um <der
Welt> zu begegnen,
3. seine Art, die Welt zu erfahren, und
4. was es heisst, in dieser Welt zu <leben>.
Die Grosse Wahrheit über die Welt ist die, dass es sich bei ihr um einen
hierarchisch gestaffelten Bau von mindestens vier grossen Seinsstufen
handelt.
Die Grosse Wahrheit über das, womit der Mensch ausgestattet ist, um der
Welt zu begegnen, ist das Prinzip der <Adäquatheit> (adaequatio).
Die Grosse Wahrheit darüber, wie der Mensch lernt, bezieht sich auf die
<Vier Wissensbereiche>. Die Grosse Wahrheit darüber, wie man dies
Leben in dieser Welt lebt, bezieht sich auf die Unterscheidung zwischen
zwei Arten der Problemstellung, nämlich <konvergierenden> und
<divergierenden>.
Eine Karte oder ein Orientierungsplan, das muss ganz klar gesagt
werden, <löst> keine Probleme und <erklärt> keine
Geheimnisse, sondern hilft lediglich, diese kenntlich zu machen.
Die Aufgabe, die Buddha in seinen letzten Worten geäussert hat:
"Betreibt mit Eifer eure Rettung" - bleibt jedermann selbst
überlassen. Den Vorstellungen der tibetischen Lehrer entsprechend ist zu
diesem Zweck: " . . . eine Philosophie unerlässlich, die alles
Wissen umfasst; . . . ein System der Meditation unerlässlich, das die
Kraft zu geistiger Konzentration auf jeden beliebigen Gegenstand
hervorrufen kann; . . . eine Lebensweise unerlässlich, die uns befähigt,
alles Tun (von Körper, Wort und Geist) zum Fortschreiten auf dem rechten
Pfad zu nutzen."
Teil II
Die neueren europäischen Philosophen waren selten getreue Kartographen.
Descartes (1596 bis 1650), dem die moderne Philosophie so viel verdankt,
ging beispielsweise an seine selbstgestellte Aufgabe gänzlich anders
heran. Er sagte, dass "wer den richtigen Weg zur Wahrheit sucht, mit
keinem Gegenstand umgehen darf, über den er nicht eine den arithmetischen
oder geometrischen Beweisen gleiche Gewissheit gewinnen kann."
"Nur mit solchen Gegenständen darf man umgehen, zu deren
zuverlässiger und unzweifelhafter Erkenntnis unsere Erkenntniskraft
offenbar ausreicht."
Descartes, der Vater der modernen rationalistischen Haltung, betonte:
"Denn schliesslich dürfen wir uns . . . immer nur von der Evidenz
unserer Vernunft überzeugen lassen." Insbesondere hob er hervor:
"Und man beachte, dass ich sage, von unserer Vernunft und nicht von
unserer Einbildungskraft oder unseren Sinnen." Die Methode der
Vernunft besteht im Versuch, "verwickelte und dunkle Proportionen
stufenweise auf einfachere zurückzuführen und sodann von der Intuition
der allereinfachsten zur Erkenntnis aller anderen über dieselben
hinaufzusteigen . . ." Das ist ein von einem kraftvollen und zugleich
erschreckend engen Geist entworfenes Programm; seine Enge wird weiterhin
an der Regel deutlich:
"Wenn in der Reihe der Sachverhalte, die gesucht werden sollen, etwas
vorkommt, was unser Verstand vermittels Intuition nicht zufriedenstellend
durchschauen kann, so muss man dort haltmachen und darf das, was sonst
noch folgt, nicht mehr prüfen, sondern muss sich überflüssiger Arbeit
enthalten."
Descartes begrenzt sein Interesse auf Wissen und gedankliche
Vorstellungen, die über jeden Zweifel hinaus genau und gewiss sind, da er
sein Hauptziel darin sieht, dass wir "uns so zu Herren und
Eigentümern der Natur machen könnten." Nur was sich quantifizieren
lässt, kann genau sein. Jacques Maritain sagt dazu:
"Die mathematische Kenntnis der Natur ist für Descartes nicht, was
sie in Wirklichkeit ist, nämlich eine bestimmte Interpretation von
Erscheinungen . . ., die keine auf die Grundprinzipien der Dinge zielenden
Fragen beantwortet. Sondern dies Wissen enthüllt ihm das eigentliche
Wesen der Dinge. Sie werden durch geometrische Erweiterung und
Veränderung des Ortes erschöpfend analysiert. Die Gesamtheit der Physik,
das heisst die Gesamtheit der Naturphilosophie, ist nichts als Geometrie.
Somit führt die kartesianische Beweisführung geradewegs zur
Mechanisierung. Sie mechanisiert die Natur, tut ihr Gewalt an, vernichtet
alles, was die Dinge dazu bringt, als Symbole am Genius des Schöpfers
teilzuhaben, zu uns zu reden. Das Universum verstummt."
Es gibt keine Gewähr dafür, dass die Welt so eingerichtet ist, und dass
unbezweifelbare Wahrheit die ganze Wahrheit bedeutet. Ausserdem: wessen
Wahrheit, wessen Verständniskraft wäre das? Die des Menschen. Eines
jeden Menschen? Sind alle Menschen dem Begreifen der ganzen Wahrheit
"adäquat"? Wie Descartes gezeigt hat, kann der Verstand des
Menschen alles bezweifeln, was er nicht leicht zu erfassen vermag, und
einige Menschen neigen mehr zum Zweifel als andere.
Descartes brach mit der Tradition, räumte auf mit ihr und machte einen
neuen Anfang, er wollte alles selbst erkennen. Diese Art von
Überheblichkeit wurde zum <Stilmerkmal> der europäischen
Philosophie. "Jeder moderne Philosoph", merkt Maritain an,
"ist in dem Sinne Kartesianer, dass er sich selbst als jemanden
betrachtet, der vom Absoluten aus aufbricht und die Aufgabe hat, die
Menschen zu einem neuen Weltbild zu führen."
Die vermeintliche Tatsache, dass die Philosophie " . . . von den
ausgezeichnetsten Köpfen einer Reihe von Jahrhunderten gepflegt worden
ist und dass es gleichwohl noch nichts in ihr gibt, worüber nicht
gestritten würde und was folglich nicht zweifelhaft wäre", führte
Descartes zu etwas, das einer <Abkehr von der Weisheit> gleichkam
und der ausschliesslichen Konzentration auf ein Wissen, das so fest und
unbezweifelbar war wie Mathematik und Geometrie. Francis Bacon (1561 bis
1626) argumentierte bereits auf einer ähnlichen Ebene. Skeptizismus, in
der Philosophie eine Form des Defätismus, wurde zur Hauptströmung der
europäischen Philosophie. Er hob, nicht ohne Folgerichtigkeit, hervor,
dass die Reichweite des menschlichen Geistes streng begrenzt sei, und dass
es keinen Anlass gebe, sich mit Dingen ausserhalb ihrer zu beschäftigen.
Herkömmliche Weisheit sah den menschlichen Geist zwar als schwach, doch
nahezu unbegrenzt entwicklungsfähig an, das heisst, als in der Lage,
über sich selbst hinaus auf immer höhere Stufen überzugreifen. Das neue
Denken hingegen stellte als Axiom auf, dass die Reichweite des
menschlichen Verstandes deutlich umrissene und enge Grenzen habe, die sich
genau bestimmen lassen, aber innerhalb ihrer über praktisch unbegrenzte
Kräfte verfüge.
Vom Standpunkt der philosophischen Kartographie aus bedeutete das eine
sehr starke Verarmung: ganze Bereiche des menschlichen Interesses, denen
die intensivsten Bemühungen früherer Generationen gegolten hatten,
tauchten einfach nicht mehr auf den Karten auf. Zugleich lag darin ein
noch entscheidenderer Rückzug und eine noch bedeutendere Verarmung: hatte
traditionelle Weisheit die Welt stets als dreidimensional (durch das
Symbol des Kreuzes) dargestellt - wobei es nicht nur sinnvoll, sondern
auch von tiefer Bedeutung war, stets und überall zwischen
"höheren" und "niedrigeren" Dingen und Seinsstufen zu
unterscheiden - so trachtete das neue Denken entschlossen, um nicht zu
sagen fanatisch, danach, die Dimension der Vertikalen abzuschaffen. Wie
waren überhaupt klare und genaue Vorstellungen von solchen qualitativen
Begriffen wie "höher" oder "niedriger" zu gewinnen?
Bestand nicht die dringendste Aufgabe des Verstandes darin, quantitative
Messungen an ihre Stelle zu setzen?
Vielleicht war Descartes' <Mathematismus> zu weit gegangen, auf
jeden Fall machte Immanuel Kant (1724 bis 1804) einen neuen Anfang. Doch
wie Etienne Gilson, der unvergleichliche Meister der
Philosophiegeschichte, bemerkt, "ging Kant nicht von der Mathematik
zur Philosophie über, sondern von der Mathematik zur Physik. Wie Kant
selbst sogleich folgerte: <Die ächte Methode der Metaphysik ist mit
derjenigen im Grunde einerlei, die Newton in die Naturwissenschaft
einführte, und die daselbst von so nutzbaren Folgen war . . .> Die
Kritik der reinen Vernunft beschreibt meisterlich, wie der menschliche
Geist beschaffen sein müsste, um das Bestehen eines newtonschen
Naturbegriffs erfassen und annehmen zu können, vorausgesetzt, dass diese
Vorstellung der Wirklichkeit entspricht. Nichts kann deutlicher die
Grundschwäche der physikalischen Vorgehensweise als einer philosophischen
Methode zeigen."
Weder Mathematik noch Physik können mit den qualitativen Begriffen
<höher> oder <niedriger> etwas anfangen. So verschwand die
Dimension der Vertikalen aus den Karten der Philosophen, die sich
anschliessend mit ziemlich weit hergeholten Aufgabenstellungen
beschäftigten wie <Gibt es andere Menschen?> oder <Wie kann ich
überhaupt etwas wissen?> oder <Machen andere Menschen Erfahrungen,
die den meinigen entsprechen?> und die somit den Menschen nicht mehr
bei der äusserst schwierigen Aufgabe von Nutzen waren, ihren Weg durchs
Leben zu finden.
Die eigentliche Aufgabe der Philosophie formulierte Etienne Gilson wie
folgt:
"Es ist ihre ständige Pflicht, einen sich stets vergrössernden
Bereich wissenschaftlicher Kenntnis zu ordnen und zu regeln und immer
vielschichtigere Probleme des menschlichen Verhaltens zu beurteilen. Es
ist ihre nie endende Aufgabe, die alten Wissenschaften in ihren
natürlichen Grenzen zu halten, neuen Wissenschaften ihren Platz und ihre
Grenzen zuzuweisen.....
E.F. Schumacher schrieb bereits 1973 das
Buch: "Small is Beautiful", A Study of Economics as if People
matters.
Verlag Blond & Briggs, London
http://www.schumachersociety.org/frameset_about.html
Weitere Informationen:
http://www.bengin.com
http://www.scoremap.com
peter.bretscher@bengin.com
Dateien von E.F. Schumacher:
die_philosophen_als_kartographen_schumacher.pdf
rueckkehr_zum_menschlichen_mass_schumacher.pdf
(Copyright für diesen Text
ist auf Pendenzenliste)
"A new Information Revolution
is under way. [...]
It is not a revolution in technology, machinery, techniques, software or
speed.
It is a revolution in CONCEPTS.".
Peter F. Drucker
Management Challenges for the 21st Century, p.97
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